„Er ist ein ganz anderer Mensch!“

„Er ist ein ganz anderer Mensch!“ Den Satz hört man oft, wenn man über einen Menschen redet, der einen Herzinfarkt hatte oder ein ähnliches Schicksal durchschritten hat. „Er ist ein ganz anderer Mensch!“… also jetzt ist er irgendwie besser, glücklicher, anders drauf, gesammelt, freundlicher – eben ganz anders. Aber… ist er das wirklich?Können wir Menschen uns nach so etwas wie einem Herzinfakt ändern? Werden wir andere Menschen?

Simple Antwort: Nein, ich bin kein anderer Mensch geworden. Ich will auch kein anderer Mensch werden. Und ich bin der festen Überzeugung, dass wir Menschen uns auch nicht ändern können. Verhaltensweisen ja. Ein anderer Mensch werden? Nein!

Ich habe mit vielen Herzinfarktpatienten gesprochen. Sie kennen die Erwartungshaltung der anderen. „Jetzt siehst Du das Leben bestimmt anders… bist glücklicher, nicht wahr?“

Also ganz ehrlich… nach einem Herzinfarkt mit anschliessender OP kann man davon ausgehen, dass der Patient oder Patientin ein halbes Jahr oder länger nicht mehr arbeiten kann. Die Lohnfortzahlung endet nach sechs Wochen. Gut wer da zu Genüge vorgesorgt hat – viele haben es nicht und wissen nicht mehr wie sie finanziell über die Runden kommen sollen.

Auf der einen Seite ist dieses Glücksgefühl, den Herzinfarkt überlebt zu haben, auf der anderen Seite liegt das Leben oft als Scherbenhaufen vor einem. Viele versinken danach in einem Loch, aus dem sie ohne fremde Hilfe lange nicht mehr herauskommen.

Schön wäre es dann sicher, würde man einfach nur ein anderer Mensch werden. Zack – von jetzt auf nachher. Glückselig und ohne Probleme.

Nein, ich bin der Überzeugung, wir Menschen werden immer so bleiben wie wir sind. Auf der einen Seite ist es auch gut so. Wenn wir uns dessen bewußt sind, wenn wir diesen Druck abgelegt haben, versuchen zu wollen, ein anderer Mensch zu werden – erst dann steht uns die Tür offen, die ein oder andere Verhaltensweise zu ändern. Wenn wir uns so akzeptieren wie wir sind, wer wir sind, wird es uns leichter fallen so manches anders zu machen, ohne dass wir uns selbst verbiegen müssen. Und Dinge anders machen, ist natürlich wichtig, will man nicht nochmals sein Leben aufs Spiel setzen.

Dass was allgemein nach einem Infarkt oder einem anderen schweren Schicksalsschlag als neuer Mensch wahrgenommen wird, ist meist alleine der Tatsache geschuldet, dass der Mensch stiller geworden ist. Er ist stiller geworden weil er die Welt um sich noch lauter als ohnehin schon so empfindet.

Mit dem Herzinfarkt aus dem Leben gerissen, bekommt man die einmalige Gelegenheit, die Welt einmal von aussen zu betrachten um festzustellen, dass das Wesentliche in einem selbst liegt. Nicht da draussen. In einem selbst und dem allerengsten Umfeld liegt das, was wichtig ist. Wenn ein Herzinfarkt für etwas gut ist, dann alleine für diese Erkenntnis.

Warum schreibe ich darüber? Weil sich viele Patienten an mich gewendet haben, in Sorge um ihre „Rolle“ nach dem Herzinfarkt. Eine Frau erzählte mir, dass ihr Arzt meinte, sie würde sich alles vielleicht zu sehr zu Herzen nehmen. Ich konnte sie dahingehend beruhigen, dass ich ihr sagte, dass es toll ist, dass es Menschen gibt, die sich manche Dinge zu sehr zu Herzen nehmen. Laut einem Professor, mit dem ich gemeinsam einen Vortrag im Herzzentrum München hielt, eint das viele Herzinfarktpatienten – sensible Antennen und Feinfühligkeit. Ist das schlecht? Soll man das wirklich abtrainieren? Ich riet ihr, das Fernsehgerät auszuschalten, um sich nicht den ganzen Weltschmerz aufzuladen und sich ganz alleine um ihr kleines Umfeld zu kümmern – und hier ihr Herz voll und ganz reinzuhängen.

Ich wünschte, mehr Menschen wären so wie diese Frau, dann wäre das Miteinander sicher ein anders. Wer einmal im Supermarkt um sich hört oder auf dem Parkplatz davor und schaut, wie die Menschen miteinander umgehen, weiß wovon ich schreibe.

In ein paar Tagen beginnt die Adventszeit… deshalb habe ich diesen Artikel nicht geschrieben. Besinnlich sein, Herz zeigen, kann man 365 Tage im Jahr.

Euer Oliver 2.0

P.S.: Mein Blog, mein Geschriebenes spiegelt alleine meine Meinung wieder. Diese beruht auf meinen Erlebnissen und meinen Erfahrungen. Basis sind aber auch viele Gespräche mit Betroffenen, die ich auf meinen vielen Veranstaltungen kennenlernen durfte. Ich habe auch viele eMails und so richtige Briefe, also mit Briefmarken, bekommen. Darin haben Patienten und Angehörige über ihre Sorgen und Ängste geschrieben.

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Ich bin Ausgabe 2.0 von Oliver. Komplettes Update erfolgte am 2. August 2011.

7 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich glaube, dieses sich plötzlich auf etwas bis dahin recht selbstverständliches, die Gesundheit und das Funktionieren des eigenen Körpers, nicht mehr „blind“ verlassen zu können, ändert manches und manchmal auch viel. Das hat sicher bei jedem Menschen andere Auswirkungen und betrifft nicht nur einen Herzinfarkt. Was sich dann wie und wie stark ändert, hängt sicher vom Typ Mensch und dem Leben bis zu diesen Ereignis zusammen. Die wenigsten Menschen machen danach, genau so weiter wie vorher. Ich kenne das von vielen Menschen mit einer Krebs-Diagnose und habe schon oft ganz ähnliches gehört.
    Ob Schlaganfall, Herzinfarkt, Krebs oder eine andere lebensbedrohliche Erkrankung . . . die Selbstverständlichkeit eines weitgehend fehlerfrei funktionierenden Körper ist futsch.
    Das kann im Umfeld schon mal das Gefühl auslösen, da wäre etwas ganz grundsätzlich anders geworden – ein anderer Mensch-
    Wenn man so etwas nicht selbst erlebt oder nicht ganz dicht dran ist, kann man so eine Entwicklung vielleicht nur schwer verstehen oder nachvollziehen.
    Gruß
    Sue

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