Lebenszeit.

Endlich. Nach einigen durchschlafenen Nächten liege ich mit den Wörtern in meinem Kopf endlich mal wieder wach und bin fit. Noch immer genieße ich diese Ruhe und freu mich, in einem normalen Schlafzimmer zu liegen. Keine Sauerstoffapparate, keine Blutdruckmanschetten, keine pulsierende Monitore. Eben alles nicht so, wie vor zwei Jahren.

Heute ist der 31. Juli. Es ist genau 3:00 Uhr. Vor exakt zwei Jahren durfte ich erleben, wie meine Lebenszeit auf nur wenige Tage komprimiert wurde.
Ich lag auf der Intensivstation nach zwei Herzinfarkten und stand vor meiner Herz-OP.
Es waren fünf Tage, die mich für den Rest meines Leben prägen sollte.
Wie fühlt es sich an, in dieser Zeit „dazwischen“? Bei jedem anders bestimmt. Bei Kurt, meinem Bettnachbar zum Beispiel. Manchmal, so schien mir, hat ihn der Mut verlassen. Mut? Ja, es braucht Mut in einer solchen Situation. Mut, weiterzuleben und Mut, vielleicht zu sterben.
Heute, vor zwei Jahren schrieb ich mein Testament. In der damaligen Lage kam dies einem Abdanken gleich. Und in der Tat fühlte ich mich danach erleichtert und bereit. Bereit eben für das was kommen mag. Die Herz-OP sollte für mich der Wendepunkt werden. Es gab nur zwei Möglichkeiten in meinen Augen: Entweder es funktioniert, dann würde ich Lebenszeit geschenkt bekommen; oder es funktioniert nicht, dann sollte ich die letzten Stunden davor genießen. Und genau das tat ich – nunja, sofern dies auf einer Intensivstation möglich ist. Mit meiner guten Laune steckte ich dann sogar meinen Bettnachbar an. So komisch es klingen mag – rückwirkend gesehen, war es eine lustige Zeit, wir waren gut drauf.
Dieses besondere Gefühl sollte man für sich erhalten. Denn wir stehen alle eben immer vor diesem besonderen Wendepunkt. Wir wissen eben nur nicht, wann es soweit ist.
Lebenszeit – das ist die Zeit „dazwischen“. Was wir mit dieser Lebenszeit tun, bleibt uns überlassen. Um den Rest kümmern sich dann andere.
Wenn man selbst aber auch die begrenzte Lebenszeit der Anderen achtet, haben wir alle was davon.

In diesem Sinne, eine gute restliche Nacht und einen gut gelaunten Tag!

Oliver 2.0

Anmerkung: Was genau in dieser Zeit vor zwei Jahren passierte, kann man in der Chronologie nachlesen. Die geht auch bald weiter – die Entlassung aus der Klinik steht an.

selbstgespräche

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Ich bin Ausgabe 2.0 von Oliver. Komplettes Update erfolgte am 2. August 2011.

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