Auf hoher See.

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Ich befinde mich irgendwo zwischen den Längengraden. Ein Breitengrad ist auch nicht weit. Etwas hatte mich aus meiner Verankerung gerissen und hinaus auf die hohe See getrieben. War es eine Textschwemme oder die Strömung eines Wortflusses?

Ich weiß es nicht. Ich sitze hier in einer wackligen und leeren Worthülse – es herrscht Flaute. Angst begleitet mich. Angst, bei der nächsten Welle zu kippen und hier in dieser riesigen Buchstabensuppe zu ertrinken oder von einem Wortwahl gefressen zu werden.

Die See aber, gibt sich wortkarg und ruhig. Kein einziger Gedanke schwappt in meine kleine Schale, keine Worte schaukeln mein Schiff, keine Sätze bilden sich zu einer riesigen Gischt, welche jeden Moment über mir zusammenbrechen könnte… nichts. Nichtmal ein Buchstabe plätschert über die Kante meines seltsam anmutenden Gefährts. Dafür brennt mir die Sonne auf den kurzrasierten Kopf und quetscht mir eine Schweißperle nach der anderen aus der Stirn. Serifenartig hängen Sie dann an meiner Nasenspitze, um dann doch irgendwann zwischen meinem Kopf und dem Boden meiner schwimmenden Hülse in der Luft zu verdampfen.

Und so bin ich alleine hier draussen auf hoher See zwischen den Längengraden. In der Nähe des Breitengrades.

Natürlich könnte ich rudern, aber wohin? Steuerwort oder Backwort? Ich weiß noch nicht einmal wo Steuerwort liegt, geschweige den Backwort. Es macht also keinen Sinn, irgendeine Richtung einzuschlagen. Lieber verweile ich hier im Nichts… mit der Sonne und mit mir selbst in einem Meer von ruhenden Wörtern. Die Oberfläche so glatt wie ein leeres Blatt Papier. Wenn sich wenigstens ein Eselsohr am Horizont auftun würde… Nur leere Worte ohne Bedeutung. Ich schwimme darin seit Stunden – bedeutungslos.

So kauere ich in meiner leeren Worthülse, auf hoher See treibend… heute werde ich wohl nicht kippen… nicht zwischen den Längengraden, nicht in der Nähe des Breitengrades.

Oliver 2.0

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Ich bin Ausgabe 2.0 von Oliver. Komplettes Update erfolgte am 2. August 2011.

20 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Dein Text klingt für mich aber so was von nicht danach, dass du keine Wörter findest… Eher nach: Da sind geniale Ideen, die ich eine nach der anderen in mein Boot holen und aufschreiben kann – tolle neue Wortschöpfungen, tolle Metaphern, tolle Symbolik 🙂 Kompliment!

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