Angst? Ja!

Ich werde oft gefragt, ob ich denn Angst hätte, nochmals einen Herzinfarkt zu bekommen. Ich antworte meist mit einem knappen und eindeutigen „Ja“ und ergänze mit einem nachhaltigen „immer“. 

Vergangene Nacht habe ich mir über meine eigene Aussage Gedanken gemacht. Es ist ja keine voreilige Antwort, sondern eine ehrliche. Soviel ist sicher.

Vielleicht geht es anderen Herzinfarktpatienten anders – sie haben keine Angst mehr. Es gibt ja auch noch die Herzinfarkt-„Überleber“, die weiter rauchen, die weiterhin fett essen und sich auch nicht sportlich betätigen. Die eben so weiterleben, wie vor dem Infarkt. Laut Aussage meines Kardiologen, sieht er manche dieser Menschen dann auch spätestens nach zwei Jahren wieder in der Klinik, sofern sie Glück haben und einen weiteren Herzinfarkt nochmals überleben.

Ich gehöre zu denjenigen, die schon viel geändert haben. Ich bin aus dem „gröbsten“ raus, wie man so schön sagt und könnte mich zurücklegen und angstfrei leben. Aber genau das geht nicht.

Es ist nicht so, dass man ständig Angst hat. Nein, auf keinen Fall. Man erlebt viele unbeschwerte Momente. Die Angst nach einem Herzinfarkt ist eben eine andere. Zumindest empfinde ich das so. Sie ist nicht permanent da, sondern wirkt eher wie… ein stiller Begleiter. So ein bisschen wie ein Schuldeneintreiber. Manchmal steht sie hinter einem Baum, oder hinter einer Hausecke. Manchmal sitzt die Angst auf einer Parkbank mit der Zeitung in der Hand, und während ich mit meinem Hund vorbei spaziere, hält sie die Zeitung höher, damit ich ihr nicht direkt ins Gesicht blicken kann. Und manchmal weilt sie wie ein Detektiv in einem geparkten Auto und observiert mich still aus dem Dunklen.

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Für wen die Angst arbeitet? Ich weiß es nicht. Vielleicht für den, den ich betrogen habe und ihm von der Schippe gehüpft bin?

Aber vielleicht arbeitet sie ja auch für mich. Denn letztendlich ist sie es, die mich daran erinnert aufzupassen. Sie mahnt mich, nicht leichtfertig zu sein, sondern an meinen Veränderungen festzuhalten. Sie treibt mich aufs Fahrrad, sie jagt mich auf die Gymnastikmatte. Sie ist es, die für mich das Essen bestellt.

Angst ist natürlich und letztendlich schützt Angst. Eine natürliche Angst ist wichtig für’s Überleben. Man sollte dies nicht ignorieren.

Mein Kardiologe erzählte mir, dass ungefähr fünf Jahre nach dem Herzinfarkt, eine schwierige Zeit für den Patienten beginnt. Es ist die Phase, in der man sich langsam wieder sicher fühlt und oft in alte Muster fällt.

Ich werde nicht in alte Muster verfallen. Ich werde meine Angst, die mir bis hierher geholfen hat, wie eine Freundschaft weiterpflegen und ich werde meine Angst, meine Gefühle und mein Erlebtes in ein Buch packen… für mich, für meine Leser. Bald!

Heute beginnt mein fünftes Jahr. Am 28. Juli 2011 passierte mein Herzinfarkt abends um 18 Uhr.

Oliver 2.0, im Juli 2015

Ergänzung: 4 Jahre Herzinfarkt. Dies ist mein 444. Beitrag und 400 Follower sind es inzwischen. Die Zahl 4 scheint es in sich zu haben. 😀

Also… Viere Grüße,

Euer Olivier 2.0. 😀

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Ich bin Ausgabe 2.0 von Oliver. Komplettes Update erfolgte am 2. August 2011.

26 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. ja, was ich noch schreiben wollte, mein Mann hatte einen Herzinfarkt vor jetzt fast 15 Jahren mit 5-fach Bypassoperation. das war im jahr 2000 am 5. November morgens um 8uhr. Er war mit unserem damaligen Hund unterwegs, der Hund hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt und wollte nicht weitergehen. er ging dann mit dem Hund zurück und später erzählte er, es war ihm nicht gut. am Tag vorher hatte er noch eine lange Wanderung über einen ganzen tag mit einem Kollegen gemacht, musste sich aber auch da schon zwischendurch ausruhen. damals war er vorher noch topfit, Der Herzinfarkt hat sich in dem Sinne nicht angekündigt. Er kam plötzlich vor unserem haus als er mit dem Hund vom Spaziergang zurückkam ich schaute durch die Terrassentür und dachte er hat sich den Fuss gebrochen oder sonst was, er war total verkrümmt und hat gerufen oder geschrien, ich hab die Tür aufgemacht, da fiel er mir schon entgegen und direkt auf die Couch die in der Ecke stand. Er war nicht mehr ansprechbar, konnte auch nicht sagen dass er einen Herzinfarkt vermutet. ich hab mir sofort gedacht, es kann nur ein Herzinfarkt sein und hab direkt angerufen Rettungswagen und Notarzt bestellt, die waren innerhalb 7 Minuten da. mit 4 oder 5 mann. ich war auch total aufgeregt, wenn etwas so plötzlich kommt. der notarzt sagte zu mir: fahren Sie besser mit. Mein mann hat nicht mehr gemerkt, dass ein Krankenwagen und ein Arzt da ist, sie haben ihm mehrere Spritzen gegeben und auf die Trage gelegt und ab ins Winterbergkrankenhaus. ich hinterher mit dem Notarzt.
    Mir war schlecht. aber ich durfte ja nicht auch noch kollabieren. Ich hab 3 Stunden in der Notaufnahme gewartet bis sie mich reinliessen, gemerkt hat er nichts. Dann kam er nach ein paar Tagen in ein anderes Krankenhaus, wo er dann operiert wurde und anschliessend hatte er REHA. Es war ein langer weg bis er wieder einigermaßen fit war, um kleine Spaziergänge machen zu können. Und er hatte auch Angst, alleine zu gehen, weil es ja hätte sein können, dass es nochmal passiert, das ist eine Kopfsache. Die Angst kann man schlecht steuern. nach der Operation waren die Adern ja wieder frei und er geht heute immer noch alle 3 Monate zum Kardiologen. der sagt es ist alles noch in Ordnung. Als es passierte, war er genau 60 Jahre alt. es war vor 15 jahren. Bei ihm kommt ja noch einiges hinzu
    Diabetes, Händezittern (Parkinson) Bluthochdruck. Aber er hat mit dem Rauchen damals sofort aufgehört, hält sich aber nicht mit dem Essen. Er ißt nach wie vor viel Fleisch und fettes Zeug, was ich nie essen könnte, das isst er heimlich, wenn ich nicht da bin. Er ist jetzt 75 und hat im letzten Jahr sehr zugenommen und das Laufen fällt ihm schwer, wir haben wieder einen kleinen Hund nachdem der andere vor 10 jahren gestorben ist, der Hund ist jetzt auch alt und kann auch nicht mehr weit laufen. mal sehen wie sich das alles entwickelt, er ist immer positiv eingestellt, wobei man ja nicht in einen Menschen hineinsehen kann, obwohl man mit ihm lebt.
    Alles gute für Dich und hab keine Angst
    LG Marianne B.

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  2. Ich finde es auch immer wieder gut, wie Du die ernste Seite ansprichst. Nicht viele Menschen trauen sich offen über Ängste zu sprechen. Gerade für Männers scheint das schwer. Umso wichtiger sind solche Einträge von Dir.

    Gruß Sue

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  3. Gut, dass du ehrlich zu dir selbst bist und die Angst nicht verdrängst, sondern sie sozusagen wie einen stillen Begleiter an die Hand genommen hast. Das Thema Angst auch noch öffentlich zu machen, ist zudem sehr mutig von dir, denn der Mensch neigt dazu, Schwächen und schadhafte Stellen nicht offen zu zeigen. Das macht dich sympathisch. Alles Gute zu diesem besonderen „Geburtstag“!

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  4. Dann mal auf in ein Jahr voller Zuversicht und Stärke! Und nur so viel Angst, dass sie als Freundin auch noch taugt und Dir hilft, stark zu bleiben. Hab Deinen Post gerne gelesen, man liest ja nicht so oft über Angst als ständigen Begleiter. Ich freu mich auf Dein Buch! Ich hab meinen Hund gegen meine Angst – Hunde sind ja wahre Wunderwesen was das betrifft. In diesem Sinne ein Hoch auf Deinen Spike! 😉 Und viel Motivation und Erfolg für Dein Buch-Projekt! Liebe Grüße!

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