Marias Nachthemd. Eine kurze Geschichte über das Altwerden und Sterben.

Dieses Wochenende zünden wir die vierte Kerze an. Wenn die Adventszeit besinnlich ist, dann ist es für mich meist um den vierten Advent – so kurz vor der Weihnacht. Ich blicke auf das Jahr und all die Begegnungen die darin vorkamen, zurück.

In diesem Jahr hat mich eine Begegnung sehr beschäftigt – Demenz.

Im engen Umfeld bin ich mit dieser Krankheit konfrontiert worden und habe mich darüber erschrocken, wie verstörend das sein kann. Der Mensch verliert seine Erinnerungen. Immer mehr vergisst er , bis er nicht mal mehr weiß, wer er selbst ist. Und ist ein Mensch nicht das, was seine Erinnerungen ausmachen? Ist unser Innerstes nicht aus Erinnerungen gebaut? Wenn wir das verlieren, verlieren wir uns. Und die Menschen um uns ebenso. 

Das Thema Demenz hat mich also beschäftigt und wie es halt so ist, wenn mich etwas beschäftigt…, schreibe ich darüber. Meine Erzählung ist frei erfunden. Die Personen darin ebenfalls. Meiner Geschichte wohnt sogar noch etwas romantisches bei – reines Wunschdenken. Denn Demenz ist in der Realität brutal und grausam, für Betroffene und das Umfeld. Jeder, der damit zu tun hat, wird dies bestätigen.

Trotzdem wünsche ich Euch liebe Leser nun für morgen einen schönen vierten und besinnlichen Advent. Und vielleicht ist ja in Eurem nahen Umfeld ein alter Mensch, dem Ihr in den nächsten Tagen ein bisschen Eurer Zeit schenkt und mit ihm alte Erinnerungen teilt.

Euer Oliver 2.0

Marias Nachthemd. Eine kurze Geschichte über das Altwerden und Sterben.

Der alte Mann öffnet die knarrende Türe des Schlafzimmerschrank und greift in das mittlere Fach, um behutsam ein Stück gefalteten Stoff herauszunehmen – so, wie er es jeden Abend tut, seit vielen Jahren. Er drückt die abermals knarrende Türe wieder zu und entfaltet das Stück Seide… das zarte Nachthemd seiner Frau. Andächtig legt er es auf das Kopfkissen seiner Maria und streicht es mit einer zärtlichen Berührung seines Handrücken glatt. Es ist ein Ritual.
Maria, seine Frau, starb vor knapp zwei Jahren. Die vielen Jahre Demenz hatten ihren Körper immer mehr geschwächt und am Schluß war weder Kraft noch irgendeine Erinnerung mehr in ihr. Sie schlief damals einfach ein – ohne einen Abschied, ohne Worte.

Vor ihrem Tod pflegte er sie viele Jahre. Als es mit ihrer Demenz losging, bemerkte er es zunächst gar nicht. Wenn sie etwas vergaß überspielte sie es gekonnt. Manchmal lachten sie aber auch herzhaft über ihre Schusseligkeit. Sie trugen es mit Humor… bis zu dem Morgen, als sie ihn nicht mehr erkannte. Sie schrie auf und wehrte sich als er sie in den Arm nehmen wollte. Tief in seinem Innersten spürte er, dass er nun seine Maria jeden Tag ein bisschen mehr verlieren wird. Doch er gab sie nicht auf. Beim Abendessen erzählte er ihr von ihren gemeinsamen Erlebnissen, an die sie sich nicht mehr erinnern konnte. Trotzdem lachten sie oft gemeinsam im fahlen Schein der Glühbirne über dem Esstisch. „Weißt Du noch Maria, unsere Gartenhütte? Wie oft haben wir uns darin geliebt. Selbst als wir Gäste hatten, verschwanden wir immer dort drin, um uns zu küssen.“ Tränen rannen über sein Gesicht: „Du Schelm hast Du mich dann immer kokett genannt. Dabei hast Du mich immer verschmitzt angelächelt… Du Schelm… ich war Dein Schelm…“
Jeden Abend bereitete er ihr Nachthemd auf ihrem Kopfkissen und brachte sie zu Bett. Am liebsten trug sie das seidene mit den zarten Blumen darauf. Zartrosa mit feinen glitzernden Applikationen. Sie sah immer sehr verführerisch darin aus. Selbst als ihr Gang immer krummer wurde, sich die Last der Krankheit in ihrem Gesicht abzeichnete und ihr Blick immer abwesender wurde, bewunderte er sie. Es war noch immer seine Maria. Sie aber, war längst in einer Welt, in der es keine Erinnerung mehr gab.

Nach ihrer Beerdigung überfiel ihn eine tiefe Einsamkeit. Ohne Marie war sein Leben leer geworden. Er hörte aber nicht auf, abends von ihren gemeinsamen Erlebnissen zu erzählen. Laut sprach er zu sich selbst. Manchmal lachte er, manchmal bekam er eine Sehnsucht nach ihrer Haut, aber immer öfter weinte er.
Die tiefe Trauer wandelte sich mit den Jahren in Schmerz. Der Schmerz grub sich immer tiefer in ihn hinein, nagte und fraß an seinem Innersten wie ein Rudel hungriger Wölfe bis er schließlich ausgehöhlt war. Sein Herz wurde steinhart.
Als er vor ein paar Wochen wie gewohnt beim Abendbrot im halbdunklen Wohnzimmer vor einer Scheibe Brot saß, begann auch bei ihm zum ersten mal, die Erinnerung zu verblassen. Laut versuchte er sich selbst die Erlebnisse mit Marie zu erzählen, gar so als kämpfe er dagegen an… aber er verlor irgendwann. Die Erinnerung daran, was einmal gewesen war – einfach weg. Er suchte aber weiter krampfhaft in seinem Innersten nach Erlebnissen, nach empfundener Freude, ja sogar nach Schmerz… nichts. Er war nun komplett leer. Eine leere Vase auf einem leeren Tisch… innen ausgetrocknet.
Versorgt wurde er seitdem von einer jungen Pflegerin, die ihm im Haushalt half und Besorgungen machte. Sie redete nie mit dem alten Mann. Zu sehr war der in sich selbst abgetaucht, immer noch auf der Suche nach dem was einmal gewesen.

Nur eines hatte in seinem Innersten überlebt, unauslöschbar war es in jede einzelne Zelle seines Körpers eingraviert, von seinen Zehen bis hinauf in das graue schüttere Haar… seine Liebe zu Maria. Und so bereitete er jeden Abend Marias Kleid auf ihrem Kopfkissen, um es dann im frühen Morgengrauen unbenutzt und wieder gefaltet in den Schrank zu legen. Es war das einzige, was ihm nach all den Jahren geblieben ist… ein Geistesblitz von einer lächelnden Maria und ihr geblümtes Nachthemd.
Er hatte Angst, dass dieser letzte Funke ebenso erlischt. Er wollte sich nicht seinem Schicksal hingeben… er musste es ändern – noch in dieser Nacht.

Er findet nur spät in den Schlaf, wacht aber nach einer kurzen Weile bereits wieder auf. Fast schlafwandelnd und doch irgendwie entschlossen steigt er mit letzten Kräften aus seinem Bett. Mit benommenen Blick greift er zu dem blumigen Nachthemd und drückt es fest an sich.
Auf kraftlosen Beinen wankt er die Treppe hinunter in das Wohnzimmer und reißt mit einem lauten Ruck die Terrassentür zum Garten auf. Draussen hat es seit zwei Tagen ununterbrochen geschneit und der Schnee liegt bereits knöchelhoch über dem verwilderten Garten, den Maria einst immer so gepflegt hatte. Die Kälte an seinen nackten Füßen ignorierend, bahnt er sich schleichend seinen Weg durch den weißen Schnee auf die Gartenhütte zu. Hier haben sie sich oft geliebt und schöne Stunden miteinander verbracht – er und seine Maria.
Vor dem gelblich getünchten Häuschen ist eine kleine überdachte Veranda mit einer Holzbank. Der alte Mann lässt sich mit einem leichten Seufzer darauf nieder und drückt das Nachthemd fest an sein Gesicht, während Kälte und Nässe sofort durch seinen gestreiften Pyjama dringen und Besitz von seinem alten Fleisch ergreifen. Er spürt es nicht. Für ihn zählt nur ein einziger Gedanke: er will mit seiner Maria zusammen sein. Jetzt. Für immer. Endlich.

Am nächsten Morgen sind die Wolken weitergezogen und das Schneetreiben hat ein Ende. Die Morgensonne strahlt von einem klaren blauen Himmel auf die weiß gepuderte Kleinstadt herab. Der Schnee glitzert im Sonnenlicht, als wäre der Ort über Nacht mit Diamanten überschüttet worden.

Vor einem kleinen gelben Gartenhaus sitzt ein alter Mann, mit der leichten Schneeschicht der vergangenen Nacht bedeckt. Er hält ein Stück blumige Seide ins Gesicht gedrückt. Die Tränen darin sind längst gefroren.

Viele Jahre später ist das Anwesen verfallen und auch die, einst so liebevoll gestaltete Gartenhütte, steht verlassen und zerfallen da.
Manchmal, wenn ein leichter Wind die alte Gartenlaube umweht, kann man im Säuseln des Luftzuges zarte Stimmen vernehmen:
„Maria Du bist wunderschön!“
„Du Schelm!““

Oliver 2.0

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Ich bin Ausgabe 2.0 von Oliver. Komplettes Update erfolgte am 2. August 2011.

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