Nachtgedanken.

Die Nacht rüttelte mich wach und öffnete ungeduldig meinen Kopf. Gar so als ob sie es wüßte, fand sie tief in meinem hinteren Hirn eine alte verstaubte Kiste. Ohne überhaupt zu fragen, öffnete die Nacht das eiserne Schloss und hob den Deckel.

Erschrocken wich die Nacht zur Wand zurück. Mit einem klirrenden Lachen kroch Frost aus der hölzernen Gefangenschaft. Modrig stinkende Kälte, viele Jahre alt.

Damals roch der Frost frisch und klar, während er mich auf meiner Suche nach einem Heimweg begleitete. Genüsslich schubste er mich immer wieder in die falsche Richtung. Meine Orientierung fiel von mir ab und zersprang auf dem frostigen Boden in Tausende Teilchen. Der Himmel begann mit mir zu weinen. Aber keine Träne erreichte mich. Stattdessen begannen Schneeflocken um mich zu Tanzen. Immer mehr wurden es. Sie bereiteten mein Nachtlager… oder war es eine Todesstatt?
Der Frost packte mich bei meinen Händen und zog mich grob durch den Wald. Mal ging es links, mal rechts. Dann fand ich Spuren im weißen Teppich… es waren meine. Und die Hoffnung lag darunter in den Schnee gestampft.
Während all der Zeit beobachteten mich die Bäume. Mitleidig schauten sie mir hinterher. Sie unterhielten sich miteinander, während immer mehr Flocken vom Himmel fielen und die Erde mit Weiß erstickte. Jegliches Geräusch wurde mundtot gemacht. Und so gab es nur noch mich, als ich langsam begann, mich aufzulösen. Nicht mal mehr Spuren hinterließ ich. Der Frost, der mich vorhin noch durch den riesigen Wald schleppte, hielt mich nun fest und drückte mich gewalttätig zu Boden, ehe langsam die Müdigkeit die Kälte aus meinen Knochen zog und den Frost von meiner Schulter stieß.
Ich blickte mit letzter Kraft hoch. Durch den dichtgewebten Schneevorhang sah ich diesen Baum. Mit traurigem Blick streckte er mir seine Arme hilfsbereit entgegen.
Ich schwamm langsam durch den Schnee auf ihn zu. Als ich in Griffweite war, zog er mich aus der weißen Gischt und nahm mich in den Arm. Ich drückte mich fest an ihn, spürte sein hölzernes Herz klopfen und schlief ein, während die letzten Schneeflocken fielen und der Himmel ein Zelt aus Sternen über uns spannte.

Am nächsten Morgen lag sie so einfach neben mir – die Sonne. Sie küsste mich und sprang freudig auf, als sie mir in die Augen blickte. Ihr strahlendes Gesicht ließ den weißen Wald funkeln und glitzern. Ich lag, zugeschneit, in einem einzigen funkelnden Diamant. Tausende von Lichtern tanzten um mich und forderten meine Lebensgeister zum Tanz auf. Die ließen es sich nicht nehmen, sprangen ebenfalls auf und feierten mit. Was für ein Fest. Der Baum blinzelte mir zu. Ich blinzelte zurück, gar so, als wolle ich mich bedanken. Ich hatte die Nacht überlebt. Und mit mir die anderen. Sie waren mir wortlos gefolgt und schälten sich gerade, ebenfalls glücklich, aus ihrem kalten Zuckerguss.

Von weitem hörten wir Stimmen. Da wußte ich, nie wird es einen schöneren Morgen geben.
Als sie uns Hause nach fuhren, sah ich noch, wie die Bäume mir zuwinkten.

Gerührt schloss die Nacht wieder den Deckel der Truhe, schob sie an ihren Platz und zog sich, in Gedanken versunken, zurück während der Morgen mich noch einmal weckte.

Oliver 2.0

Kurzgeschichten selbstgespräche

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Ich bin Ausgabe 2.0 von Oliver. Komplettes Update erfolgte am 2. August 2011.

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