Regen auf mir. Eine Fiktion (Teil 2).

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Viele Tage liege ich schon hier. Es wird Nacht und es wird Tag. Der Rythmus der Natur, ganz ohne Uhr. Ich weiß nicht, wie vele Male ich die Sterne gesehen habe, aber an diesem Morgen wird es nicht hell. Stattdessen ist über mir nur ein dunkles Blau gespannt. Keine Sonne, so wie die Tage zuvor. Mir ist irgendwie kalt, obwohl nichts mehr von mir vorhanden wäre, was frieren könnte. So blicke ich weiter hinauf.

Dort oben findet eine Zusammenkunft der Wolken statt. Immer dichter gedrängt ballen sie sich über mir zusammen, tauchen das Tageslicht nun in ein dunkles Türkis. Der Mais, der sich eben noch im Winde hin und her gewunden hatte, steht plötzlich still, … gar so, als höre er auf ein Kommando. Hat die Erde aufgehört, sich zu drehen? Nein, ich spüre sie unter mir ächzen.

In der Erwartung, dass gleich etwas passieren wird, starren die Pflanzen derweil gebannt in den Himmel hinauf. Die ganze Natur liegt plötzlich in einer merkwürdigen Stille ehrfürchtig auf den Boden geduckt. Kein Vogelgezwitscher, kein Mückensummen. Stille.

Dann, für das menschliche Auge kaum sichtbar, recken die Pflanzen ihre Blätter zum Himmel. Nur ein wenig. Warum sehe ich es? Werde ich nun Teil eines Ganzen? Ich kann den Gedanken nicht zu Ende denken. Auf einmal höre ich ein lautes Stöhnen aus tausenden von Kehlen. Mit zusammengekniffenen Pupillen starre ich nach oben und sehe, wie der Himmel sich öffnet. Der ganze Himmel atmet in einem Zug auf die Erde und lässt es regnen. Wassertropfen, überall. Mit lautem Rauschen prasseln sie rings um mich auf die Erde. Immer mehr werden es. Freudig wiegt sich das Grün unter dem warmen Regen. Ich freue mich mit ihnen. Wie gerne wäre ich nun wieder Kind… mit knallgelben Gummistiefeln und einer roten Regenjacke. Ich würde über die Erde hüpfen, bis der Boden unter mir Matsch wäre und dieser sich in immer größer werdenden Flecken an meine Hose heftet. Ich würde den Kopf in meinen Nacken legen, den Mund weit öffnen und versuchen, den Regen mit meiner Zunge zu sammeln, während ich meine Augen fest zusammenpresse.

Ich freue mich so sehr, dass ich gar nicht mitbekomme, dass die Tropfen sich langsam in einer riesigen Pfütze um mich sammeln. Da werde ich auch schon sanft angehoben und fortgetragen. Ich bin aufgeregt und fasziniert. Wo werde ich morgen sein? Werde ich sein? Bin ich noch?

Oliver 2.0

Teil 1: „Und über mir der blaue Himmel. Eine Fiktion“

Kurzgeschichten

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Ich bin Ausgabe 2.0 von Oliver. Komplettes Update erfolgte am 2. August 2011.

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