Das Ende vom Leben.

Ein Herzinfarktpatient unterscheidet sich eigentlich rein äußerlich so gar nicht von einem gesunden Menschen, liegen Jahre der Genesung seit dem Zwischenfall zurück. Hatte der Herzinfarkt eine Herz-OP zur Folge, outet er sich vermutlich im Schwimmbad. Die doch meist große Narbe in der Mitte des Brustkorbs – sie kann man nicht übersehen. Zugegeben… im Schwimmbad achte ich auf solch ein Zeichen. Vielleicht immer in der Hoffnung, einen „Leidens“genossen zu entdecken. Das ist sehr selten der Fall.

In Italien wurde ich einmal von einem jungen Schuhverkäufer auf meine Narbe angesprochen. Sie war zwischen der geöffneten Knopfleiste meines Poloshirts zu sehen. Er sprach etwas von „attaco di cuore“ oder so ähnlich. Ich verstand zunächst nicht wirklich was er meinte. Dann deutete er auf meine Narbe. Dann kapierte ich. „Si, si… cuore, infarkto“ oder was auch immer, und wunderte mich weshalb mich gerade ein junger Mensch unter 25 darauf ansprach.

Er lächelte und knöpfte plötzlich sein Hemd teilweise auf. Stolz zeigte er mir seine rasierte Brust… Vom Ansatz seines Hals bis hinunter zu seinem Bauch zog sich eine lange senkrechte Narbe. Dort wo diese einst mit Faden zusammengehalten wurde, säumen kleine Geschwülste das, was einmal die Öffnung in sein Innerstes darstellte. Wir lachten einfach drauflos und ich hatte einfach nur Mitleid – so jung und schon so einen Mist erlebt.

Die Schuhe hatten sie in meiner Größe nicht da, also verabschiedete ich mich ohne Einkauf. Er rechte mir die Hand und sprach etwas von Fratello. „Si, si!“ antwortete ich.

Draussen tippte ich gleich das Wort FRATELLO in mein Smartphone und ergänzte es mit einem ITAL. Das schlaue Elektronikteil spuckte sofort die Übersetzung aus: BRUDER.

Nun bin ich abgeschweift lieber Leser… ich stellte mir die Frage, was einen Herzinfarktpatienten von einem „normalen“ Menschen unterscheidet. Gut, es ist also oft diese Narbe und äußerlich ansonsten nichts.

Vielleicht liegt der Unterschied aber darin, dass sich ein Mensch, der einen Herzinfarkt hatte, an einem stinknormalen Sonntagnachmittag, auf der Couch sitzend, über den Tod nachdenkt, während es draussen winterlich kalt ist und die Sonne so manchen zum Spaziergang lockt.

Um es genau zu nehmen – ich denke nicht über den Tod nach, sondern über das Ende vom Leben. Nein, nein, ich will mich gar nicht brüsten, dass ich dem Tod nahe war. Vielleicht war ich auch tot. Oder vielleicht auch mehrmals ein bisschen. Ja, auch das geht. Aber vielleicht warst Du, lieber Leser dem Tod schon viel näher, als ich. Auf der Autobahn zum Beispiel. Es gibt tausende Situationen, in denen wir davon reden, dass wir einen Glücksengel hatten. Man sagt das so lustig daher im Nachhinein. Was aber wäre denn wirklich passiert, wenn es diesen „Glücksengel“ nicht gegeben hätte. Nein, man wäre dann nicht einfach tot. Die Zeit, der Ablauf der Geschichte, einfach alles, hätte sich in dem Umfeld geändert, welches Du hinterlassen hättest.

Der Mensch stellt sich so etwas doch nie vor. Ich halte das für einen Fehler. Jemand anders würde sagen, nein – viele sagen jetzt bestimmt: „Es ist besser so, wenn man nicht weiß, was passiert.“ Genau das ist der Grund, warum wir weiter auf der Autobahn rasen, warum wir weiterhin nichts ändern was wichtig wäre.

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Am Ende vom Leben, am Ende von meinem Leben habe ich nicht über ein neues Auto nachgedacht, oder über Geld oder sonstige Güter. Am Ende von meinem Leben, und das war deutlich spürbar, habe ich an all das Leid gedacht, was man mit seiner eigenen Unvorsichtigkeit verursachen kann. Ich dachte an die Menschen in meinem Umfeld. Nach solch einem Vorfall, sofern man ihn überlebt, ist man geheilt… im wahrsten Sinne des Wortes. Warum, Hätte, Weshalb, Wenn, Dann… das sind die Worte, die einem durch den Kopf gehen und einen nie mehr loslassen.

Das zarte Pflänzlein welches daraus erwächst nenn ich mal Bescheidenheit. Die Blüten, die es dann irgendwann trägt – Wertschätzung und Dankbarkeit.

Darüber denke ich nach… auch an einem normalen Sonntagnachmittag. Und gerade in einer Zeit, in der man das Gefühl hat, dass die Welt verrückt spielt, achte ich nun auf mich selbst, damit ich nicht in einen Strudel von Maßlosigkeit, Hass oder Neid hineingezogen werden. Es genügt, vor der eigenen Türe zu kehren… Bescheidenheit und Wertschätzung sind ein guter Anfang.

Passt auf Euch auf!

Oliver 2.0

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Ich bin Ausgabe 2.0 von Oliver. Komplettes Update erfolgte am 2. August 2011.

16 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Hallo Oliver…
    Danke für diese Worte und Gedanken, genauso ist es.
    Ich liege übrigens gerade auf der Couch..dachte über das Leben nach und ..zack…waren da deine Worte…
    Ich lächle..und werde weiter geniessen, den Sonntagnachmittag und überhaupt.. Danke 🌞

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  2. Kann ich mir denken dass du nachdenkst, so einen Einschnitt vergisst man nicht, auch nicht nach Jahren der Herzinfarkt mit anschließender Bypass OP ist jetzt 18 Jahre her. Und nicht vergessen, allein durch die vielen Folgekrankheiten die sich eingestellt haben und die vielen Medikamente. Du bist noch jünger und belastbarer. Ich wünsche dir weiterhin gute Gesundheit

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  3. Eine Schwierigkeit ist dabei: die Distanz zur Umwelt vergrößert sich. Ich bin zwar vom Infarkt und dergleichen verschont geblieben (außer Bandscheibenvorfall, der einem wohl auch bis ans Ende zu schaffen machen wird), doch man wird älter und alt, da keimen die Stachelblumen und der schwarze Spitzwegerich aus Gelenken, Sehnen, Knorpeln, das Hirn zupft Blätter aus der großen Sonnenblume des Lebens – und man sieht die Sache da draußen mit andern Augen. Ist man gesund, hat man noch einen Anspruch an Andere und fragt sich, wieso, weshalb, warum usw., man fühlt sich in der Defensive, ehe man Bescheidenheit lernt (vielleicht). Aber gut, dass Du Bescheidenheit geschrieben hast, nicht Demut. Herzliche Grüße

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  4. Das sind sehr berührende Worte. Und das mit der Bescheidenheit – ja, ich denke, so ist es auch. Und: man sieht so viele kleine schöne Dinge, die man vorher vielleicht gar nicht bemerkte – wie interessant eine Karde aussieht – was für ein Kunstwerk ein Gänseblümchen ist.
    Ich hatte keinen Infarkt, musste aber schon viele andere unschöne Gegebenheiten bewältigen. Am schlimmsten war die jahrzehntelange Krankengeschichte meiner Tochter. Vielleicht sehe ich deshalb schon seit Jahrzehnten Karden und Gänseblümchen mit „Makroaugen“. 🙂

    Danke für diesen, deinen Text!

    Bitte, pass du auch auf dich auf!
    Herzliche Grüße
    Heike

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  5. Ist es denn nicht eher so, dass wenn man derartiges erlebt hat, man eine große Dankbarkeit empfindet und jeden einzelnen Tag wirklich lebt? Immer in dem Bewusstsein, dass nichts unendlich ist und schon gar nicht das Leben. Ist der Unterschied zu „normalen“ Menschen, wie Du sie nennst nicht der, dass gerade diese oft der Meinung sind, sie würden ewig leben und sich eben keine Gedanken darüber machen, dass das Leben irgendwann endet und wir nie wissen, wann die Zeit gekommen ist. Und sollte das Bewusstsein darüber nicht dazu führen, dass man ausschließlich das in sein Leben integriert, was einen glücklich macht und alles andere verbannt? Eben weil man nach so einem Erlebnis verstanden hat, wie wertvoll das eigene Leben doch ist.

    Liebe Grüße Nicole 🙂

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      • Ich glaube, dass wenn man sich jeden Tag ein wenig mehr bemüht und sich selbst immer wieder (vielleicht auch mit kleinen Hilfsmitteln) daran erinnern, dass nur der Augenblick zählt und nicht Vergangenheit oder Zukunft, dann gelingt es uns immer besser jeden Tag bewusst zu leben und zu erleben und irgendwann können wir gar nicht mehr anders. 🙂

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