Chronologie eines Herzinfarkt. Teil 5

Wann ist ein Mensch erwachsen? Wenn er zum erstenmal Verantwortung für sich und sein Leben übernimmt… mit allen Konsequenzen. (meine Definition)

Hilft Glaube? Ja. ( Meine Definition)

28. Juli 2011, vormittags.
Um 7:30 Uhr war alles so wie immer. Meine Frau war zur Arbeit gegangen und mein Sohn radelte auf seinem Oldschool-Bike in die Schule. Wir hatten gefrühstückt wie an jedem Morgen. Und nun war ich mit meinem Hund wieder alleine wie an jedem Morgen.
Ich putzte schnell meine Zähne und zog mich an…auf gehts zum Spazieren.

Heute lag noch ein arbeitsreicher Tag vor mir mit einigen Telefonaten und Kundenbesuch in München. Deshalb fiel meine Runde mit Spike eher bescheiden aus. Nach seinem schweren Bruch acht Monate davor, waren lange Spaziergänge eher selten. Aber die 20 Minuten heute taten auf jeden Fall gut und gaben mir Freiraum nachzudenken. Der Hund lebte im Jetzt und genoß die frische Luft. Meine Gedanken lebten in der Vergangenheit. „War mein Leben in Ordnung? Habe ich viel falsch gemacht?“ Fragen, die zwar in meinen Kopf hämmerten wie eine Verkäuferin in eine alte Registrierkasse, aber ohne dass die Schublade mit der Antwort aufsprang.
Dann dachte ich an meinen Freund mit Kieferkrebs. Dagegen ging es mir blendend. „Aber wie lange noch? Bin ich auch bald dran?“ Der Gedanke beschämte mich wieder einmal. Zu oft geisterte er in letzter Zeit durch mein Hirn. Ich sollte zufrieden sein. War ich ja eigentlich auch.

Wieder zuhause angekommen bekam die Fellnase erstmal was zu fressen. Genau achtzig Gramm. Wir achten genau auf seine Gesundheit und sein Gewicht. Beim Abwiegen schmunzle ich immer…“Wäre ich nur bei mir auch so konsequent.“
Der kurze Spaziergang hatte mich wieder müde gemacht. Ich schleppte mich in mein Kellerbüro und freute mich, wie schön ich es aufgeräumt hatte.
Der Vormittag war noch mit wichtigen Telefonaten gefüllt. Dann füllte ich das System mit Aufgaben und Informationen. Genauso wie man es normalerweise tut wenn man sich in den Urlaub verabschiedet. Fertig. Jetzt noch schnell unter die Dusche.

Gekürzt…

Am 21. März 2016 erscheint mein Buch NEUSTART (KLICK)!

 

Der Bus.

In der Rubrik KURZGESCHICHTEN findet der interessierte Leser Erzählungen von mir. Die folgende schrieb ich 2007. Sie enthält nichts biografisches – dazu bin ich zu gut drauf.

Der Bus.

Neonlicht zeichnet harte Schatten in mein Gesicht. Nur die Fliegen machen Krach wenn sie durch das Gitter gegen die Röhren knallen.

Zusammengeknüllt sitz ich auf der Bank und zähl die Pflastersteine zu meinen Füssen. Die festgetretenen Kaugummireste habe ich bereits gezählt – 190.
Mich friert. Die kalte Nachtluft lässt mich wie eine Dampflok atmen.
Eigentlich müsste das Leben jetzt zu Ende sein. Erlebt habe ich nicht viel, aber mir reicht es.
Vielleicht sieht es ja morgen wieder alles anders aus. Am liebsten würd ich jetzt ne Kippe aus meinem schmutzigen Mantel kramen und sie zwischen meinen rauhen Lippen anzünden. Aber ich rauche ja schon lange nicht mehr. „Ist ungesund“ hat der Arzt gesagt. Was weiss der schon in seinem sauberen Kittel.
Genau 100… exakt 100 Pflastersteine. Also im Schnitt 2 alte Kaugummis pro Pflasterstein. Naja, die Steine unter der Bank habe ich nicht mitgezählt.

Den letzten Nachtbus habe ich verpasst. Das Leben wahrscheinlich auch.

Schlaflos.

Ich liege wach. Auf der Uhr leuchtet 3:13. Eben war es noch 2:59. Die Zeit vergeht eben doch, auch wenn man meint dass sie wenigstens schläft.

Ich liege nachts oft wach. Höre oft noch die Geräte hinter mir an der Wand und das Blubbern von Sauerstoff. Irgendwie fühle ich mich dabei nicht unwohl. Solange es nicht piepst und niemand ins Zimmer stürmt, geht es mir gut.
Ein Blick nach hinten offenbart mir dann die nackte Wand des heimischen Schlafzimmers.
Die Nächte im Krankenhaus waren zunächst schrecklich. Ich schlief meist erst gegen Mitternacht ein. Als ich dann nach einem tiefen Schlaf wieder aufwachte, sind gerade mal zwanzig Minuten vergangen. Es folgten drei Stunden Wachphase.
Nicht mehr ganz so ausgeprägt, aber ähnlich, erlebe ich das heute noch ab und zu – ein Jahr danach.
Es ist keine Schlaflosigkeit im eigentlichen Sinne. Ich benötige einfach viel weniger Schlaf als vor dem Infarkt, am nächsten Tag bin ich ja fit. Die Nacht wurde zu meinem Begleiter, ich habe mich daran gewöhnt. Am liebsten lausche ich dann meinem Herz. Durch die umgeleiteten Brustarterien schlägt es viel stärker als früher. Ich liege dann meist auf der Seite und höre im Kopfkissen den Herzschlag. Gleichzeitig spüre ich die Herzmuskeln wie sie das Blut in meinen Körper pumpen. Ein gutes Gefühl.

3:25 zeigt die Uhr jetzt.
Es war, so glaube ich, am dritten Tage nach der Herz-OP. Es war genau 3:25 auf meinem Apfeltelefon… Mein Puls ging wohl hoch und löste einen Alarm aus. Die schwere Tür öffnete sich und meine junge Schwester wehte herein. Sie prüfte die Geräte hinter mir und drehte irgendwelche Schrauben. (Ich nenne sie hiermal Marina)
Marina streichelt mir über den Kopf…
„Wie geht es Ihnen?“
„Gut, Danke. Ich muss so oft Husten, der Hals tut mir weh.“
„Das kommt noch vom Schlauch, den Sie während der OP im Hals hatten. Ich bringe Ihnen nochmals was.“
„Was würde ich ohne Sie tun. Ich bin froh, dass es Sie gibt!“
Ich war wirklich froh und zog echt meinen Hut vor ihrer Arbeit als Krankenschwester. Übrigens natürlich auch der anderen. Aber Schwester Marina kümmerte sich besonders liebevoll.
Mit meinen Worten habe ich bei Ihr aber einen Knopf gedrückt.
Schluchzend brach sie an meinem Bett zusammen und fing an zu weinen.
„Was ist los Marina?“
„Nichts…“ schluchzte sie.
„Das seh ich.“
„Und was könnte sein?“
„Ach, wichtig ist dass es Ihnen gut geht. Sie hatten eine OP,“ bemühte sie sich um Fassung.
Doch dann fing sie zu erzählen an… von ihrer Schichtarbeit, den immer weniger werdenden Freunden und dem Freund, der mit ihr Schluss gemacht hat. Da bekam sogar ich Tränen in die Augen.
„Und Sie wurden am Herz operiert und ich belaste Sie mit meinem Kram.“
Ich streichelte Ihren Arm und wir weinten beide eine Weile.
„Sie machen das alles so toll. Sie sind ein Engel. Irgendwann kommt der Richtige für Sie, der das zu schätzen weiß. Sie können hier so vielen Menschen helfen… Geben Sie nicht auf!“ wir sprachen noch eine Zeitlang miteinander und ich versuchte sie zu trösten.
Nach einer Weile schluchzte sie ein wenig erleichtert. Hustend reichte Ihr ein Taschentuch damit sie sich die Nase putzen konnte.
„Ich hole Ihnen jetzt was gegen den Husten… und Danke nochmal.“ Leise schlich sie sich aus dem Zimmer.

Mir ging es gut. Vielleicht konnte ich ihr nur ein bischen helfen – ich hoffte es. Mich ganz für Ihre Arbeit zu revanchieren war eh nicht möglich. Dafür leisten Krankenschwestern zu viel. Schwester Marina ganz besonders.

Als ich aufwachte, war es draussen bereits hell. Der Hustensaft stand auf dem Nachtkästchen mit einem Zettel daneben. „Sie hatten so fest geschlafen… Danke nochmal!“

Hier ist es bereits 4:03. Zeit, das Apfeltelefon aus der Hand zu legen um noch etwas zu schlafen.

Gute Nacht und Guten Morgen…

Oliver 2.0

Chronologie eines Herzinfarkt. Teil 4.

Wer kennt es nicht dieses Gefühl – irgendwas passiert gleich aber ich bin regungslos? Ich frage mich das oft wenn ich die dreieckigen Schilder mit dem schwarzen Reh darauf sehe. Oder ist es ein Hirsch? Vorsicht Wildwechsel!
Die Waldtiere queren nachts die Straße und wenn ein Auto angerast kommt, blicken sie verwirrt in die Scheinwerfer.

Verdammt, warum rennen sie nicht einfach weiter? Bleiben blöd stehen und warten bis es passiert…selbst schuld.

Vor knapp einem Jahr, 24. Juli 2011:
Es war ein Sonntag. Wie das Wetter war weiß ich nicht mehr. War auch egal, denn ich hatte plötzlich das Bedürfnis mein Büro aufzuräumen. Mein Homeoffice sozusagen.
Mein Büro folgte einer chaotischen Ordung, welche ich perfekt beherrschte. Ein Genie eben. Aber weil ich diese guten Vorsätze hatte, alles anders zu machen, alles umzukrempeln, fing ich an diesem Sonntag in meinem Kellerbüro an. Fanatisch sortierte ich Rechnungen und Auftragsbestätigungen, Versicherungspapiere, Briefe und Kontoauszüge unter den Blicken meiner Familie.
Meine Frau zweifelte an meinem Verstand, so wild wirbelte ich in meinem Keller. Wenn man als Außendienst viel unterwegs ist sammelt sich auch viel an.
Ich sortierte, shredderte und lochte was das Zeugs hielt. Der Sonntag sollte nicht reichen… Gleich am Montag machte ich weiter, der Dienstagabend war damit gefüllt und auch noch der Mittwochabend. Die Abfälle fuhr ich auf den Recyclinghof.

Am Donnerstagfrüh, den 28. Juli war mein Schreibtisch leer, meine Aufgaben in der Firma verteilt.

Gekürzt…

Am 21. März 2016 erscheint mein Buch NEUSTART (KLICK)!

Was für’s Herz…mein Hund.

Etwas für's Herz...mein Hund.

Das ist Spike, eine männliche Französische Bulldogge – ein Bully also. Und er ist der beste Therapeut, den ich mir wünschen konnte.

Wir beide haben schon einiges erlebt. Im zarten Alter von 5 Monaten brach er sich das Kniegelenk des Vorderlaufs. Mit Schrauben und Splinten wurden die Knochen fixiert. 7 Wochen Ruhe… bei einer halbjährigen Bulldogge. Hundebesitzer wissen was dies bedeutet. Weiterlesen „Was für’s Herz…mein Hund.“