Ein Interview.

Frau A: „Herr 2.0, heute, vor genau einem Jahr, erlitten Sie einen schweren Herzinfarkt. Wie geht es Ihnen heute?“

Herr 2.0: „Mir geht es gut. Nein… mir geht es sehr gut.“

Frau A: „Auf was führen Sie das zurück?“

Herr 2.0: „Dass es mir gut geht? Das hat viele Ursachen. Sport, Ernährung und die Tatsache dass ich noch am Leben bin.“

Frau A: „Und wie ist das mit dem Stress? Haben Sie beruflich einen Gang zurückgeschaltet?“

Herr 2.0: „ich glaube, man kann in den wenigsten Berufen einen Gang zurückschalten. In meinem überhaupt nicht. Ist auch nicht nötig.

Frau A: „Nicht?“

Herr 2.0: „Das Leben bietet privat noch genügend Gestaltunsmöglichkeiten. Da muss man den Hebel ansetzen. Genau da passieren auch meist die Fehler, welche dann den Stress auslösen. Kurz gesagt – wenn es im privaten stimmt, wenn ich dort meinen Ausgleich habe, kann mir der Stress im Geschäft nichts anhaben.“

Frau A: „Sie würden aber schon auch Stress als Ursache für Ihren Herzinfarkt ansehen?“

Herr 2.0: „Das haben Sie gesagt… Nein. Stress verstärkt Symptome wie zum Beispiel Bluthochdruck. Bei mir liegt aber das Übel in zu hohem Cholesterin.“

Frau A: „Wobei über Cholesterin viel spekuliert wird.“

Herr 2.0: „Ich spekuliere nicht. Man hat mir den Brustkorb aufgesägt und mein operierender Arzt hat mir von meinen Herzkranzgefässen erzählt. Diskussionen über Cholesterin gibt es in den Medien und Büchern. In Großhadern gibt es die Diskussion nicht. Deren Meinung schließe ich mich an.“

Frau A: „Sie vertrauen Ihren Ärzten?“

Herr 2.0: „Ja. Ohne dieses Vertrauen wäre ich nicht so schnell genesen. Ohne Vertrauen wäre ich nicht so entspannt in die Op.“

Frau A: „Sie sind entspannt in die Op?“

Herr 2.0: „Genau. Ich wusste, jetzt werden alle Zähler auf Null gesetzt – ein Reset sozusagen.“

Frau A: „Lassen Sie uns über heute sprechen. Ihnen geht es gut wie Sie sagen. Verblassen nun allmählich die Erinnerungen und ist das nicht gefährlich?“

Herr 2.0: „Die Gefahr besteht nicht. Ich sehe jeden Morgen im Spiegel eine große Narbe auf meiner Brust. Jeden Morgen und jeden Abend nehme ich je zwei Tabletten zu mir. Manchmal glaube ich, den Titandraht in meiner Brust zu spüren, je nach Wetterlage. Und jedes Mal wenn ich Fahrrad fahre bin ich im Prinzip auf der Flucht vor einem neuen Herzinfarkt. Nein, da verblasst nichts. Die Erinnerung ist voll da und der Herzinfarkt gehört zu meinem Leben.
Aber, und darüber bin ich froh – der Herzinfarkt ist ja keine Krankheit. Es ist ein Ereignis in der Vergangenheit. Aber ein Wendepunkt in meinem Leben.“

Frau A: „Warum schreiben Sie einen Blog über Ihren Herzinfarkt?“

Herr 2.0: „Es gibt in Deutschland fast 1.000 Infarkte täglich. Sehr viele sterben daran. Ich möchte ein wenig Licht aus Patientensicht in die Sache bringen. Es gibt viele Informationsmöglichkeiten über die Entstehung usw. Das fatale daran, es interessiert erst, wenn es zu spät ist. Dabei ist es so einfach nur ein wenig gesund zu leben.“

Frau A: „Sie glauben, dass Sie die Menschen vorher erreichen?“

Herr 2.0: „Nein, ich befürchte nicht. Aber es sind mir auch die anderen Flatliner wichtig, welche bereits einen hatten. Viele fallen danach in eine Depression. Für viele scheint das Leben zu Ende. Vielleicht erreiche ich die ja, oder ihre Angehörigen und Freunde. Denn es fällt doch vielen schwer auch darüber zu reden. Deshalb mache ich meine Klappe auf.“

Frau A: „Da kann man Ihnen nur Glück wünschen und dass Sie weiterhin das Leben geniessen.“

Herr 2.0: „Oh nein… Ich geniesse nicht das Leben. (lacht) Das Leben ist oft viel zu hart um es auch nur annähernd geniessen zu können. Ich genieese die kleinen Momente, welche das Leben ebenfalls bietet. Das sollten Sie auch tun… Geniessen Sie die kleinen Dinge im Leben! Die gibt es umsonst und machen Spass.“

Frau A: „Gestatten Sie mir zwei Fragen zum Schluss… Wie begehn Sie diesen heutigen Jahrestag und wieso nennen Sie sich 2.0?“

Herr 2.0: „Ich gehe heute abend schön essen. 2.0 nenne ich mich, weil ich Ausgabe 2 bin. Ein Update sozusagen. Da ist noch Luft nach oben (lacht).“

Frau A: „Vielen Dank für dieses Gespräch Herr 2.0.“

Herr 2.0: „Bitte, gern geschehen.“

Dieses Interview wurde am 28. Juli 2012 nach dem Frühstück aufgezeichnet. Interviewerin war Frau A mit ihrem Gast Herr 2.0.

Batman. Wir wollen es düster!

Ich weiß nicht… noch dunkler, noch negativer soll der neue BatmanFilm sein. „The Dark Knight Rises!“- der dunkle Ritter steigt auf. Warum eigentlich? Um uns zu retten? Vor dem Euroverfall? Vor korrupten Politikern? Nein, um Kasse zu machen. Ist ja auch ne teure Hollywoodproduktion.

Früher war ich ein richtiger Batman-Fan. Und eigentlich wollte ich auch in den neuen Film. Aber je größer der Hype um seine Düsterheit und die apokalyptischen Visionen wird, umso mehr stell ich den Film für mich in Frage.
Sehnen wir uns so nach Negativem? Nach Dunkelheit, Angst und Hass? Oder benötigen wir immer verzerrtere Vorstellungen um das Hier und Jetzt ein wenig besser erscheinen zu lassen?
Der Amoklauf in den Staaten bei der Premiere sorgt für zusätzlichen Zündstoff und Diskussion. Oder tut er das nicht? Nein, das alles hat nichts mit solchen Filmen zu tun, wird beteuert. Der Amokschütze hatte ja auch orange Haare und keine grünen wie der Joker. Auf die letztere Tatsache sind momentan besonders viele Journalisten und Kritiker stolz – tolle Recherche. Dabei weiß das doch jedes Kind.
Mir tun die Opfer leid. Sie wollten einen Film über Gewalt und einen Helden sehen und kamen nun selbst durch Gewalt um. Und die Realität? Es taucht kein Held auf um sie zu rächen. Aber zumindest tauchte Christian Bale auf – im Krankenhaus bei den Überlebenden. .

Ich werde mir den Film diesmal nicht ansehen. Ich mag Actionfilme, aber ich bin diese Untergangszenarien leid.
Die Realität ist hart genug – da muss ich nur die Nachrichten ansehen.

Und überhaupt… seit ich einen anderen Blickwinkel auf den Tod bekam, muss ich mir denselben nicht auch noch für die Abendunterhaltung wählen.
Meine Totenkopf-T-shirts bleiben ja auch inzwischen alle im Schrank. Motorradfahren geht auch so.

Wer ähnlich denkt wie ich, aber trotzdem ein Faible für Batman-Filme hat – dem biete ich eine Alternative in diesem Artikel – einen youtube-Link. Nämlich das Original von 1966! Da war ich gerade mal zwei Jahre alt – die Welt war noch in Ordnung. Zumindest meine Welt.
Ich musste aber erst noch 10 Jahre warten bis ich das Original zum ersten mal sah. Es war in einem barockes Kino in Bremen. Seit damals tobte in mir eine Gewissensfrage: Wer ist besser? Batman oder Spiderman? Heute weiß ich es – The Iron Man. 🙂

In diesem Sinne,

Oliver 2.0
P.S.: Allen anderen wünsche ich natürlich trotzdem einen vergnüglich düsteren Kinoabend.

Chronologie eines Herzinfarkt. Teil 9.

Herzlich willkommen im Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Klinikum der LMU ist ein Zentrum der Hochleistungsmedizin, der Innovation und des medizinisch-technischen Fortschritts, in dem gleichzeitig das Gefühl von individueller Betreuung, Geborgenheit und Vertrauen zu spüren ist. Wir nehmen durch ein großes Potenzial in Forschung, Lehre und Patientenversorgung eine herausragende Stellung unter den deutschen Universitätsklinika ein. Das große Ansehen konnte unser Klinikum vor allem durch das Engagement höchst qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen: Um Ihre Bedürfnisse und Ihre Genesung kümmern sich derzeit etwa 9.000 Mitarbeiter aus den Bereichen Medizin, Pflege, Verwaltung, Technik und Versorgungsdienste. (Information auf der Webseite des Klinikum Großhadern)

29. Juli 2011:

Die Tür des Rettungswagen öffnete sich. Ich hatte schon viel über das Klinikum gehört… zu sehen bekam ich nichts. Nur einen Flur, einen Aufzug und dann die Intensivstation. In einem Zimmer wurde ich umgebettet und lag da. Ich musste diverse Blätter unterschreiben und dann wurde es wieder ruhig. Der Chef der Intensiv stellte sich kurz freundlich vor. Ich wurde wieder an diverse Geräte angeschlossen und letztendlich lernte ich die Schwester kennen. Alle sehr freundlich dachte ich nur, bevor es dann wirklich still wurde.

Ich blickte mich um… Die Station bestand aus einem langen Flur von welchem auf beiden Seiten die Räume weggingen. Ich lag in einem Zimmer am Kopfende. Von meinem Bett aus, hatte ich direkte Sicht in den Flur. Die Tür war geöffnet. Und es war warm. Ich zerrte genervt an meinem Krankenhauskittel und legte ihn ans Fußende. Besser.

In meinem Zimmer war ein weiteres Bett. Darin lag jemand. Ich konnte denjenigen aber nicht sehen. Ein kleiner Vorhang trennte uns voneinander. Nur die vielen Geräte um das Bett verrieten mir, dass es auch dort jemand schlecht geht. Wahrscheinlich konnte derjenige Gedankenlesen…

Gekürzt…

Am 21. März 2016 erscheint mein Buch NEUSTART (KLICK)!

 

 

 

Was für’s Herz… Danke.

Danke… das Lied der Fantastischen Vier lief im Radio auf meiner Fahrt im Intensiv-Rettungswagen nach Großhadern. Was für ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ich musste lachen. Der begleitende Notarzt und sein Assistent blickten mich fragend an.
„Können Sie das lauter machen bitte?“
„Klar…“, antwortete der Arzt immer noch verwirrt, während ich mir auf die Schenkel klopfte vor Lachen.
„Wissen Sie… gestern saß ich noch ganz wichtig bei Kunden im Anzug, und jetzt… jetzt lieg ich hier – halbnackt, verkabelt und mit Infusionen in den Venen.“ Ich lachte und dachte dabei, wem ich vielleicht noch Danke sagen wollte oder sollte. Da waren schon ein paar. Vor allem meiner Familie. Naja. momentan sah es ja danach aus, dass mir noch etwas Zeit zum bedanken bleibt.

Das Lied begleitete mich durch die ganze Zeit im Krankenhaus. Es ließ das Ganze ein bischen absurd erscheinen und half mir so über eine schwere Zeit.
Wem würdet Ihr noch Danke sagen wollen? Über Kommentare freu ich mich.
Danke…für’s Lesen!

Ein Abschied.

Aus. Leer. Vor fast einem Jahr kaufte ich mir für teures Geld eine Narbensalbe. Heute früh nach dem Duschen war sie leer. Sie hat eine lange Zeit gehalten…schon komisch – ist irgendwie einem Abschied ähnlich.
Genau wie mein Optimismus. Ich fürchte, dass ich auch den aus dieser Tube heraus gequetscht hatte.

Nach meinem Herzinfarkt, nach meinem Beinahe-Tod wuchs ich über mich hinaus. Bei Null angefangen steigerte ich meine Leistungsfähigkeit beinahe täglich. Depressionen blieben aus, an Selbstmord habe ich nie gedacht. Das kommt bei manchen Operierten nach der Herz-Lungen-Maschine schonmal vor. Und nun?
Plötzlich fühle ich mich leer.
Zum erstenmal widern mich heute früh meine Tabletten an. Meine bunten Lebensretter, die ich jeden Montag aus der Verpackung drücke und in meinen Wochenbehälter sortiere – eine kleine runde weiße, eine ovale rosafarbene, eine weiße große mit Sollbruchstelle und eine große weiße in Zäpfchenform. Bis vor einem halben Jahr waren es 7 täglich, davor 9. Über 1.500 Tabletten habe ich seit knapp einem Jahr in mich reingestopft. Über 1.500!

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Ich blicke in den Spiegel. Die Narbe sieht gut aus. Sie wird aber immer da sein. Die Ausheilung ist nach einem Jahr abgeschlossen, sagten die Ärzte damals. Eine neue Narbensalbe benötige ich also nicht. Die alte Tube kann also endgültig in den Müll. Zusammen mit meiner Hoffnung, dass ich meine Hände wieder ganz spüre.
Jeweils in jeder Handhälfte habe ich ein Taubheitsgefühl.
Das ist ein Lagerungsschaden sagten sie. Kann bis zu nem Jahr dauern. Wenn es dann nicht besser ist, erholen sich die Nerven wohl nicht mehr. Ein Lagerungsschaden… Während der mehrstündigen OP wird man wie gekreuzigt auf den OP-Tisch gezurrt. Das kann schonmal Nerven abdrücken. Also werd ich mich von den beiden Handhälften auch verabschieden können.

Naja, es stört mich nicht groß, außer ich schreibe am Computer. Ich muss laufend korrigieren, da ich die Tastenanschläge in 4 Fingern nicht spüre.

Bald ist es ein Jahr her… Ich werde mich wieder aufraffen, mich gleich heute abend aufs Fahrrad schwingen und versuchen, den Gedanken, dass ich vor dem Tod davonfahre, verdrängen.

Ich sage mir: „Wenn man einen Herzinfarkt ohne Folgen überlebt hat, gibt es viel schlimmere Krankheiten! Und doch bleibt es immer irgendwie ein Kampf.“

Heute bin ich auf jeden Fall wieder auf hartem Boden gelandet. Vielleicht ist es gut so.

In diesem Sinne,

Oliver 2.0